Als Papi nicht mehr gerade war
Oder: Wenn der Fels in der Brandung plötzlich schief steht.
Es war ein Morgen, an dem zunächst nichts darauf hindeutete, dass Papi beschlossen hatte, seine übliche Form zu verlassen.
Ich lag noch im Schlafzimmer und beobachtete mit halb geöffneten Augen die ersten Tätigkeiten des Tages. Papi war bereits aufgestanden. Das tut er meistens vor mir, was ich persönlich für unnötigen Ehrgeiz halte.
Papi zog sich an, ging ein paar Schritte durchs Zimmer und bückte sich nach etwas, das auf dem Boden lag.

Dann blieb er dort.
Nicht ganz unten und nicht ganz oben.
Einfach irgendwo dazwischen.
Ich hob den Kopf.
Papi bewegte sich nicht.
Nun kenne ich Papi ziemlich gut. Wenn irgendwo etwas herunterfällt, interessiert ihn das wenig. Wenn nachts ein Geräusch im Garten ist, schaut er nach. Wenn ich nachts Bauchweh habe, steht er viermal mit mir auf und geht mit mir hinaus. Papi trägt Dinge, repariert Dinge und hebt Dinge an, von denen Mami vorher ausdrücklich gesagt hat, dass er sie nicht allein anheben soll.
Papi bleibt aber normalerweise nicht mitten in einer Bewegung stehen.
Ich stand auf und ging zu ihm.
Er sah mich an.
„Boo“, sagte er. Mehr nicht. Das war verdächtig.
In seinem Gesicht zuckte etwas. Nur ganz kurz, aber ich sah es genau. Die Augen kniffen sich zusammen, der Mund wurde schmal, und aus Papi kam ein leises, gepresstes Stöhnen.
Nun muss man wissen, dass Papi normalerweise Schmerzen wegsteckt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Man könnte ihm vermutlich einen Hammer auf den Fuß fallen lassen, und er würde erst einmal den Hammer auf Beschädigungen untersuchen.
Wenn Papi ein Geräusch macht, tut es weh.
Ich stellte mich dicht neben ihn.
Sehr langsam versuchte er sich aufzurichten. Wobei „aufrichten“ vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist. Papi war anschließend zwar höher als vorher, aber gerade war er nicht.
Er machte einen Schritt. Dann noch einen. Dabei bewegte er sich ungefähr so, wie ich mir einen sehr alten Reiher mit schlechten Knien vorstelle.
Ich folgte ihm.
Auf dem Weg zur Küche musste Papi stehen bleiben. Seine Hand ging an den unteren Rücken, und sein Gesicht bekam wieder diesen Ausdruck. Also setzte ich mich vor ihn.
„Geht schon“, sagte Papi.
Ich sah ihn an.
Es ging offensichtlich nicht.
Mami kam dazu und brauchte ungefähr drei Sekunden für dieselbe Erkenntnis.
„Der Rücken!“ Papi nickte.
Es fielen Worte wie Hexenschuss und Bandscheibe, und Papi erklärte, es sei genau diese Stelle wie damals. Mami holte Zuckerkügelchen, 2 Fläschchen, und gab Papi aus beiden etwas. Symphytum C200 und Hypericum C200. Rücken, Nerven und Bandscheiben. Ich hörte nur mit einem Ohr zu. Medizinisches ist Mamis Zuständigkeitsbereich. Meine Aufgabe war inzwischen eine andere geworden.
Papi setzte sich sehr vorsichtig auf das Sofa. Ich stellte mich davor. Er legte eine Hand auf meinen Kopf.
Normalerweise ist Papi mein Fels in der Brandung. Nun saß mein Fels ziemlich schief auf dem Sofa. Also blieb ich bei ihm. Nicht aufdringlich. Ein Akita drängt sich nicht auf. Ich legte mich nur so hin, dass eine meiner Pfoten seinen Fuß berührte. Für alle Fälle.
In den nächsten Tagen wurden unsere Abläufe etwas langsamer. Papi stand vorsichtiger auf. Er ging vorsichtiger. Er setzte sich vorsichtiger. Dinge, die auf den Boden fielen, entwickelten plötzlich die erstaunliche Fähigkeit, dort liegen bleiben zu dürfen. Ich fand diese neue Regel ausgesprochen vernünftig.

Auch unsere Spaziergänge sahen anders aus. Der Landy musste stehen bleiben. Papi sagte, er ruckle zu sehr. Wir liefen nur kurz und das in einem Tempo, das meine Theorie vom alten Reiher zunehmend bestätigte. Papi ging vorsichtig, ein wenig steif und sehr bedacht.
Also ging ich ebenfalls langsam.
Ich kann das.
Wenn ich will.
Papi nahm morgens und abends weiter seine beiden Mittel. Und es veränderte sich etwas. Zuerst nur sein Gesicht. Dieser angespannte Ausdruck verschwand. Bewegungen, bei denen ich schon vorsorglich zu ihm hinsah, ließen ihn nicht mehr zusammenzucken. Dann wurden seine Schritte wieder länger.
Aus dem alten Reiher wurde langsam wieder Papi.
Nach ein paar Tagen bückte er sich morgens nach meinem Wassernapf und richtete sich wieder auf, ohne innezuhalten. Ich beobachtete das sehr genau.
Dann gingen wir wieder zum Landy. Papi öffnete hinten die Tür, legte meine Rampe an und wartete. Ich stieg hinauf, drehte mich oben um und sah zu ihm zurück.
Er stand gerade.
Nicht vorsichtig gerade.
Einfach gerade.
Dann grinste er.
„Na, Boo? Surfen?“
Ich wedelte einmal. Würdevoll, aber eindeutig.
Kurz darauf fuhr der Landy durch den Wald, das Fenster war offen und ich hielt die Nase in den Wind. Papi saß vorne, wo er hingehört, und bewegte sich wieder so selbstverständlich, dass man beinahe vergessen konnte, wie hilflos er an jenem Morgen zwischen oben und unten hängen geblieben war.
Beinahe.
Ich vergesse solche Dinge nicht.
Seitdem behalte ich Papi manchmal besonders aufmerksam im Auge, wenn er sich bückt.
Man weiß schließlich nie.
Euer Boo
🐾
Mittelempfehlung/Protokoll:
Symphytum C200 + Hypericum C200 – Banerji-Protokoll für akuten Bandscheibenvorfall und Hexenschuss – jeweils 2× täglich für 8 Wochen, um Regeneration geschädigter Strukturen zu ermöglichen; bei sehr starken Schmerzen Hypericum C200 in den ersten Tagen gegebenenfalls alleine noch einmal zusätzlich
Symphytum – bei Beschwerden nach Verletzungen und Schädigungen des Bewegungsapparates, insbesondere wenn Knochen, Knochenhaut, Knorpel, Wirbel beteiligt sind
Hypericum – bei ausgeprägt stechenden, einschießenden oder ausstrahlenden Schmerzen mit Beteiligung oder Reizung von Nerven; besonders bei starken Nervenschmerzen nach Verletzung oder Kompression
Anwendung in eigener Verantwortung. Homöopathie ersetzt im Ernstfall niemals die Konsultation eines (Tier-)Arztes. Bei zunehmenden Rückenschmerzen, Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühlen sowie Störungen der Blasen- oder Darmfunktion ist eine umgehende ärztliche Abklärung erforderlich.



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