Was Winston nicht hören wollte
Oder: Von einem Ohr, in dem es sich zu gut wohnen ließ.
Es war ein Vormittag, an dem Winston zu Besuch kam.
Winston ist ein Beagle aus der Nachbarschaft und einer der wenigen Hunde, deren Anwesenheit ich nicht grundsätzlich für überflüssig halte. Er ist freundlich, meint es gut und besitzt ein erstaunliches Interesse an allem, was irgendwann einmal den Boden berührt hat. Spaziergänge mit Winston dauern deshalb länger. Nicht weil er langsam wäre, sondern weil er Informationen sammelt.
Außerdem hat Winston Ohren.
Sehr viel Ohr.
Sie beginnen seitlich an seinem Kopf, hängen weich an seinen Wangen hinunter und enden ungefähr dort, wo bei anderen Hunden längst die Beine zuständig sind. Beim Schnüffeln fegen sie über Gras, Wege und gelegentlich Dinge, über deren nähere Beschaffenheit ich lieber nicht nachdenken möchte. Meine eigenen Ohren stehen aufrecht. Ich möchte daraus keine Wertung ableiten, aber ich halte das Konzept für gelungen.
An diesem Morgen kam Winston jedenfalls durch das Gartentor, begrüßte Mami, begrüßte Papi, begrüßte einen Blumentopf, an dem offenbar gestern jemand Interessantes vorbeigekommen war, und wollte anschließend zu mir.
Auf halbem Weg blieb er stehen. Er schüttelte den Kopf. Nicht einmal, wie Hunde das eben manchmal tun. Er schüttelte ihn heftig, seine beiden Ohren flogen dabei von einer Seite zur anderen, und danach hielt er den Kopf ein wenig schief.
Ich sah ihn an. Winston sah mich an. Dann kratzte er sich am Ohr. Das tat er später wieder.
Und wieder.
Es ist schwierig, jemanden würdevoll zu ignorieren, der sich alle paar Minuten mit dem Hinterbein am Kopf bearbeitet. Also ging ich hin und schnupperte. Ich bereute es.
Nicht meine beste Entscheidung, aber sie war getroffen.
Aus Winstons linkem Ohr kam ein Geruch, der dort eindeutig nicht hingehörte. Als Mami später hineinsah, war darin außerdem schwarzes, schmieriges Zeug. „Ach, Winston“, sagte sie. Winston zog den Kopf weg. Das fiel mir auf. Winston zieht seinen Kopf normalerweise nirgendwo weg. Winston hält Nähe für ein Menschenrecht und Berührungen für eine Dienstleistung, die ihm grundsätzlich zusteht. Aber als Mami nur vorsichtig an sein Ohr wollte, wich er aus. Da wusste ich, dass es ihm wirklich wehtat.

Er legte sich neben mich ins Gras. Sein Kopf blieb schief, das kranke Ohr lag oben, und zum ersten Mal an diesem Vormittag interessierte ihn nicht einmal, was unter der Hecke gerochen hatte.
Ich rückte ein kleines Stück näher. Nicht zu nah. Man kann Anteil nehmen, ohne die räumliche Ordnung vollständig aufzugeben.
Mami sprach mit Winstons Mensch. Dann holte sie ihre kleinen Fläschchen.
Winston bekam Hepar sulfuris C200.
Das fand er weniger interessant als das Leckerchen danach, aber Winston setzt andere Schwerpunkte als ich. Am Abend bekam er es noch einmal.
Am nächsten Morgen kam Winston wieder durch unser Gartentor.
Zuerst begrüßte er Mami.
Dann Papi.
Dann denselben Blumentopf.
Offenbar waren über Nacht neue Informationen eingetroffen.
Ich beobachtete ihn genau. Kein Kopfschütteln.
Er kam zu mir, schnupperte an meiner Schulter und ging anschließend zur Hecke, wo er seinen Kopf mit großer Entschlossenheit in eine Stelle steckte, die ich persönlich für wenig ergiebig hielt. Seine Ohren hingen dabei links und rechts ins Gras. Ich sah zu Mami.
Mami sah zu mir. „Ja“, sagte sie. „Sie sind schon praktisch, deine.“ Ich stellte beide Ohren ein wenig aufrechter. Man sollte sich auf Komplimente nichts einbilden. Aber man darf sie zur Kenntnis nehmen.
Winston bekam sein Mittel weiter zweimal am Tag. Das Ohr beruhigte sich, er kratzte nicht mehr daran, und auch das schwarze Zeug wurde immer weniger. Vor allem aber war Winston wieder Winston: Nase unten, Schwanz oben und mit wichtigen Ermittlungen beschäftigt, von denen der Rest der Welt nichts wusste.
Ein paar Tage später gingen wir zusammen spazieren.

Winston lief vor mir her. Seine Nase folgte einer Spur am Wegesrand, seine langen Ohren wippten bei jedem Schritt, und irgendwann trat er tatsächlich auf eines davon.
Er stolperte kurz.
Dann lief er weiter, als wäre nichts geschehen. Ich ebenfalls.
Unter Hunden spricht man über manche Dinge nicht.
Ich glaube inzwischen ohnehin, dass Winstons Ohren genau richtig sind. Sie sind weich, viel zu lang und offenbar gelegentlich ein ziemlich guter Ort für Dinge, die dort nichts verloren haben. Aber wenn Winston neben einem sitzt und eines davon zufällig auf der eigenen Pfote liegt, ist es erstaunlich angenehm.
Ich würde ihm das allerdings nicht sagen.
Er käme sonst noch näher.
Euer Boo
🐾
Mittelempfehlung/Protokoll:
Hepar sulfuris C200 – bei (schmerzhafter) Ohrenentzündung mit Berührungsempfindlichkeit, gegebenenfalls Juckreiz und Sekretbildung – 2× täglich, bis die Beschwerden abgeklungen sind
Anwendung in eigener Verantwortung. Homöopathie ersetzt im Ernstfall niemals die Konsultation eines (Tier-)Arztes.



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