Die Banerji-Protokolle
Aktualisiert: 29. Sept.
Oder: Wie aus klinischer Erfahrung ein System wurde
Wer sich mit klinisch angewandter Homöopathie beschäftigt, begegnet früher oder später einem Namen, an dem kaum ein Weg vorbeiführt: Banerji.
Genauer gesagt sind es gleich mehrere Banerjis, denn hinter den heute international bekannten Banerji-Protokollen steht eine indische Ärztefamilie, deren klinische Erfahrungen sich über viele Generationen erstrecken.
Das Besondere daran ist nicht allein diese lange Tradition. Entscheidend ist, was die Banerjis daraus gemacht haben.
Sie begannen, wiederkehrende Behandlungserfahrungen zu systematisieren. Bestimmte Erkrankungen wurden mit bestimmten homöopathischen Arzneimitteln behandelt - in definierten Potenzen und festgelegten Einnahmefrequenzen. Was sich bewährte, wurde wiederholt, beobachtet, verfeinert und schließlich in reproduzierbare Vorgehensweisen überführt.
So entstanden die Banerji-Protokolle.
Und damit ein Ansatz, der sich in wesentlichen Punkten von dem unterscheidet, was viele Menschen bis heute unter Homöopathie verstehen.
Von klinischer Erfahrung zum Protokoll
Die Geschichte führt zunächst nach Indien.
Sie beginnt mit Pareshnath Banerji, der 1910 sein Studium an der University of Calcutta abschloss, sich fortan in Mihijam der Behandlung der Bevölkerung widmete und seine Patienten unentgeltlich versorgte.¹ Die Patientenzahlen waren enorm, und eine ausführliche klassische homöopathische Fallaufnahme, die bei einem einzelnen Patienten durchaus eine oder zwei Stunden beanspruchen kann, war unter solchen Bedingungen kaum möglich. Pareshnath Banerji arbeitete deshalb zunehmend klinisch, indem er feststellte, dass „etwa 80 Prozent seiner Patienten, die an üblichen Erkrankungen litten, mit spezifischen homöopathischen Arzneimitteln“* geholfen werden konnte.¹
Hier liegt bereits der Keim der späteren Banerji-Protokolle: Nicht jeder neue Patient bedeutete, bei null beginnen zu müssen. Bestimmte klinische Situationen zeigten wiederkehrende Muster, und bestimmte Arzneimittel bewährten sich dabei immer wieder.¹
Pareshnaths Sohn Prasanta Banerji führte diese Arbeitsweise weiter. 1960 eröffnete er seine Praxis in Kalkutta und behandelte nach Angaben der Banerjis bereits zwei Jahre später etwa 500 Patienten täglich.¹
Solche Patientenzahlen ermöglichten etwas, das in einer kleinen Praxis kaum möglich ist: dieselben Erkrankungen immer wieder zu sehen und dabei Muster zu erkennen. Dr. Prasanta Banerji begann deshalb, die gesammelten Erfahrungen systematisch zu ordnen. Aus einer wiederholt erfolgreichen Verschreibung wurde allmählich eine definierte Vorgehensweise:
Diagnose → Arzneimittel → Potenz → Einnahmefrequenz.
Prasantas Sohn schließlich - Dr. Pratip Banerji - nahm sich nach seinem Studium und Eintritt in die Klinik seines Vaters, der Prasanta Banerji Homeopathic Research Foundation (PBHRF), der Einführung international orientierter Standards für Datenerfassung und Dokumentation an.²
So entwickelte sich über Generationen aus klinischer Erfahrung ein System, welches nicht mit Prasanta und Pratip Banerji, die inzwischen beide verstorben sind, endet. Inzwischen wird die Familientradition in vierter Generation fortgeführt. Dr. Isha Banerji, Tochter von Dr. Pratip Banerji, führt heute als Director die PBHRF und setzt dort die klinische Arbeit ihrer Familie fort. Daneben besteht die Dr. Pratip Banerji Memorial Homeo Clinic mit einem - laut Aussage meiner Studienmentorin Joette Calabrese - besonderen Schwerpunkt auf der Behandlung von Krebserkrankungen unter Leitung von Rinku Banerji, der Witwe Pratip Banerjis.

Aus einer Familienpraxis in Bengalen ist damit über vier Generationen eine klinische Tradition entstanden, die heute weit über Indien hinausreicht. Die Kliniken behandeln auch internationale Patienten und ermöglichen Konsultationen online. Mehrere meiner Studienkolleginnen haben sich selbst oder Familienangehörige dort behandeln lassen, nachdem Calabrese bei besonders komplexen Fällen durchaus empfiehlt, die große klinische Erfahrung der Banerji-Kliniken in Anspruch zu nehmen.
Was über diese Generationen weitergegeben und fortentwickelt wurde, ist weit mehr als eine Sammlung bewährter Arzneimittel, womit wir zum eigentlichen Kern der Banerji-Protokolle kommen.
Was ein Banerji-Protokoll ausmacht
Die Banerjis selbst definierten ihren Ansatz ausgesprochen eindeutig:
„Die Banerji-Protokolle sind ein neues medizinisches System, bei dem spezifische homöopathische Arzneimittel für spezifische Krankheitsdiagnosen verschrieben werden, ohne dabei die individuelle Person zu berücksichtigen.“*¹
Damit setzen sie bewusst einen anderen Schwerpunkt als die klassische Homöopathie.
Die Protokolle entstanden nach ihrer Darstellung aus kumulativer klinischer Erfahrung und der Auswertung wiederkehrender Behandlungsmuster. Daraus wurden standardisierte Verschreibungen.
Ein Protokoll bedeutet dabei nicht zwangsläufig: eine Krankheit – ein Mittel.
Es kann aus einer einzelnen Arznei oder aus mehreren Arzneimitteln bestehen. Für zahlreiche Erkrankungen gibt es unterschiedliche Behandlungslinien. Festgelegt werden nicht nur die Arzneimittel, sondern auch ihre Potenzen und die Häufigkeit der Einnahme. Teilweise wird sogar eine bestimmte Darreichungsform vorgegeben.
Arzneimittel, Potenz und Einnahmefrequenz bilden gemeinsam das Protokoll.
Damit ähnelt ein Banerji-Protokoll eher einer klinischen Behandlungsanweisung als einer losen Empfehlung, welches homöopathische Mittel bei einer bestimmten Beschwerde „passen könnte“.
Der Bruch mit der klassischen Homöopathie
Die Banerjis machen keinen Hehl daraus, dass ihre Methode von zentralen Grundsätzen der klassischen Homöopathie abweicht.
Im klassischen Ansatz wird die Arznei nicht primär anhand der medizinischen Diagnose gewählt. Entscheidend sind hier das individuelle Symptombild des Patienten in all seinen Nuancen und die Suche nach dem einen möglichst ähnlichen Arzneimittel, dem Simillimum. Deshalb können fünf Menschen mit derselben medizinischen Diagnose fünf unterschiedliche homöopathische Arzneien erhalten.
Genau darin sahen die Banerjis ein Problem.
Die Arzneimittelwahl hängt stark von der Erhebung und Interpretation individueller Symptome ab. Unterschiedliche Homöopathen gelangen dadurch beim selben Patienten fast zwangsläufig zu unterschiedlichen Verschreibungen. Hinzu kommt die zeitaufwendige Fallaufnahme.
Aus Sicht der Banerjis erschwerte dies nicht nur eine effiziente klinische Arbeit, sondern auch die Weitergabe und wissenschaftliche Untersuchung homöopathischer Erfahrungen, für die sich zeitlebens stark eingesetzt haben. Sie formulierten ihre Kritik entsprechend deutlich: „Das Fehlen standardisierter Behandlungsprotokolle hat die wissenschaftliche Überprüfung der Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel behindert.“*¹
Ihre Konsequenz daraus war radikal einfach.
Patienten mit derselben klar definierten Erkrankung erhalten zunächst dasselbe bewährte Protokoll: dieselben Arzneimittel, dieselben Potenzen, dasselbe Einnahmeschema.
Die Banerjis beschreiben ihren Ansatz deshalb als stärker diagnostisch als individualistisch – und damit als objektiver statt subjektiver.¹
In ihrem Buch stellen sie fünf von ihnen als Kardinalprinzipien der klassischen Homöopathie bezeichnete Grundsätze der eigenen Methode gegenüber: Ähnlichkeitsgesetz, Einzelmittelprinzip, Minimumprinzip, Theorie chronischer Krankheiten und Theorie der Lebenskraft.
Während bei der klassischen Homöopathie alle diese Prinzipien mit „ja“ beantwortet werden, steht für die Banerji-Protokolle bei allen Prinzipien ein „Nein“.¹
Die Banerji-Protokolle sind damit nicht klassische Homöopathie in einer schnelleren Variante. Sie stellen einen eigenständigen, klinisch und diagnostisch orientierten Ansatz unter Verwendung homöopathischer Arzneimittel dar. Dazu gehört auch die gezielte Kombination von Arzneimitteln.
Die Banerjis schreiben, dass solche Kombinationen aus jahrelanger klinischer Beobachtung hervorgegangen seien und unter anderem dazu dienten, mögliche Erstreaktionen – also ein vorübergehendes Aufflammen oder Verstärken von Beschwerden – in Schach zu halten.¹ Was auch der Grund dafür ist, dass ihre Kombinationen teilweise Mittel zusammenführen, die in der klassischen Homöopathie bezüglich der Arzneimittelbeziehungen als "feindlich" angesehen werden.
Andere Kombinationen wiederum enthalten komplementäre, d.h. sich ergänzende Mittel. Und wer sich ein wenig mit homöopathischen Mitteln auskennt wird unter Umständen feststellen, dass die Kombinationen und Protokolle nicht selten verschiedene Schichten (Layers) einer Erkrankung adressieren, wie etwa - vereinfacht ausgedrückt - die Organ- oder Gewebeschicht sowie die chronische Veranlagung. Ein Beispiel dafür ist das Banerji-Protokoll bei Migräne und Kopfschmerzen, was in seiner ersten Behandlungslinie Sepia als sogenannte Baseline für die Veranlagung zu Kopfschmerzen vorsieht sowie Acidum picrinicum kombiniert mit Belladonna für den akuten Anfall.
Auch wird beim Arbeiten mit den Banerji-Protokollen erkennbar, dass die Mittel in ihrer Kombination andere Wirkspektren erzielen, als einzeln. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist "HyperArs", wie die Kombination in der "Banerji-Sprache" genannt wird: Hypericum perforatum C200 zusammen eingenommen mit Arsenicum album C200 ergibt das präferierte Mittel der Banerjis bei gravierenden Infektionen.
Und wenngleich dies in ihrem Buch „The Banerji Protocols: A New Method of Treatment with Homeopathic Medicines“ nicht ausdrücklich gesagt wird, spielt dabei auch die Wiederholung der Arzneigabe eine Rolle. Joette Calabrese vermittelte uns hierzu im Rahmen des Studiums eine klinische Erfahrung, die sie von dem indischen Arzt Dr. A. U. Ramakrishnan gelernt hatte und welche ihr später von den Banerjis bestätigt wurde: Tritt nach einer Arzneigabe eine Erstreaktion auf, bringt die erneute Gabe desselben Mittels diese Reaktion wieder zum Abklingen.
Das unterscheidet sich deutlich von der verbreiteten Vorstellung der klassischen Homöopathie, nach einer Mittelgabe zunächst möglichst lange abzuwarten. Bei den Banerji-Protokollen sind Kombination und Wiederholung keine Nebensächlichkeiten, sondern Bestandteile der klinischen Anwendung.
Bei aller Standardisierung jedoch bleibt ein Banerji-Protokoll eine klinische Richtschnur und kein starrer Fahrplan, der unabhängig vom Verlauf abgearbeitet wird. Einnahmefrequenzen können im konkreten Fall angepasst werden, wenn die Reaktion des Patienten dies nahelegt, Behandlungslinien können geändert und ergänzt werden.
Boo liefert mir dafür regelmäßig Anschauungsunterricht. Er reagiert ausgesprochen sensibel auch auf homöopathische Arzneimittel. Bei manchen Protokollen kommt er mit einer einmaligen täglichen Gabe deutlich besser zurecht als mit den vorgesehenen zwei Gaben. Bei einem akuten Aufflammen kann es umgekehrt notwendig sein, eine Arznei häufiger zu wiederholen, ein Mittel hinzuzufügen oder sogar eins wegzulassen. Das Protokoll gibt mir den Ausgangspunkt - Boos Reaktion zeigt mir, wie ich damit im konkreten Verlauf umgehen muss.
Genau darin liegt kein Widerspruch zur Idee der Banerji-Protokolle. Standardisierung bedeutet nicht, die Beobachtung einzustellen. Das Protokoll legt Arzneimittel, Potenz und ein bewährtes Einnahmeschema fest. Die sorgfältige Beobachtung des Verlaufs zeigt, ob dieses Schema im einzelnen Fall beibehalten oder angepasst werden sollte.
Wie die Banerji-Protokolle zu ihrem Namen kamen
Auch die Bezeichnung der Banerji-Protokolle selbst entstand aus der Abgrenzung zur klassischen Homöopathie.
Nach der Schilderung von Prasanta und Pratip Banerji wurden beide im Jahr 2000 eingeladen, ihre Erfahrungen mit Bronchialkarzinomen bei Comprehensive Cancer Care 2000 in den USA vorzustellen.
Dort kam es zu einer Diskussion mit einem klassisch arbeitenden Homöopathen, der kritisierte, dass Patienten mit derselben Erkrankung dieselben Arzneimittel erhalten hatten.
Prasanta Banerji erklärte daraufhin, dass genau darin ihre Methode bestünde: Diagnose, festgelegte Arzneimittel, festgelegte Potenzen und festgelegte Einnahmeschemata.
Nach Darstellung der Banerjis schlug anschließend Dr. Evans vom amerikanischen National Cancer Institute gemeinsam mit dem damaligen NCI-Direktor vor, diese eigenständige Methode „Banerji Protocols“ zu nennen.¹
Erst die Diagnose, dann das Protokoll
Die klare, medizinische Diagnose ist bei den Banerjis keine optionale Zusatzinformation. Sie ist Voraussetzung für die Auswahl des Protokolls, denn wenn ein bestimmtes Krankheitsbild nach einem bestimmten Protokoll behandelt werden soll, muss möglichst genau bekannt sein, welches Krankheitsbild wirklich vorliegt.
Entsprechend selbstverständlich arbeiten die Banerjis mit moderner medizinischer Diagnostik. Sie nennen in ihrem Buch unter anderem Ultraschall, Magnetresonanztomographie, Tumormarker und weitere moderne Untersuchungsverfahren als Werkzeuge, durch die ihre Protokolle genauer differenziert werden konnten.¹
Besonders anschaulich zeigt sich das in ihren dokumentierten Tumorfällen. Dort stehen CT- und MRT-Aufnahmen, Biopsien und histopathologische Befunde ganz selbstverständlich neben den anschließend eingesetzten homöopathischen Arzneimitteln.³

Das entspricht auch meinem Verständnis von Bioiatrie®. Moderne Diagnostik und klinische Homöopathie sind keine Gegensätze. Die Diagnostik hilft uns festzustellen, womit wir es zu tun haben. Das therapeutische Vorgehen baut auf dieser Information auf.
Notfallmedizin, notwendige Operationen oder andere konventionelle Behandlungen verlieren dadurch nicht ihren Stellenwert. Auch die Banerjis selbst betonen ausdrücklich, dass sie Operationen dort als notwendig ansehen, wo Arzneimittel keine oder nur eine begrenzte Rolle spielen können.¹
Ein Protokoll in der Praxis
Besonders anschaulich lässt sich die Struktur an einem der bekanntesten Banerji-Protokolle zeigen: der Behandlung von Hirntumoren.
Als erste Behandlungslinie geben die Banerjis an:
Ruta graveolens C6 – zweimal täglich.
Calcium phosphoricum D3 – zweimal täglich.
Für eine zweite Behandlungslinie bleiben Ruta C6 und Calc phos D3 bestehen; hinzu kommt Thuja occidentalis C1000 in flüssiger Form einmal wöchentlich.
In der dritten Linie wird statt Thuja einmal wöchentlich Conium maculatum C1000 in flüssiger Form ergänzt.
Daneben nennen die Banerjis feste unterstützende Verschreibungen für bestimmte begleitende Beschwerden.³
Damit wird der Begriff Protokoll greifbar. Es geht nicht um die vage Aussage, Ruta sei „ein Mittel für Hirntumoren“, sondern um eine definierte Behandlungsstruktur.
Gerade dieses Protokoll sollte später auch außerhalb der homöopathischen Welt Aufmerksamkeit erhalten.
Als die Krebsfälle der Banerjis Aufmerksamkeit erregten
Die Onkologie spielte eine besondere Rolle bei der internationalen Bekanntheit der Banerji-Protokolle.
Die PBHRF behandelte große Zahlen von Krebspatienten und begann wie bereits erwähnt, Behandlungsverläufe systematisch elektronisch zu erfassen. In der 2013 veröffentlichten Erstausgabe ihres Buchs werden bereits mehr als 20.000 erfasste Fälle und über 100.000 dokumentierte Konsultationen genannt.³ Spätere Darstellungen berichten von deutlich weiter gewachsenen Datenbeständen.⁴
Eine 2010 gemeinsam mit Forschern des MD Anderson Cancer Center veröffentlichte Arbeit nennt für den Zeitraum von 1990 bis 2005 allein 21.888 Patienten mit malignen Tumoren, die an der PBHRF ausschließlich nach Banerji-Protokollen behandelt worden seien. Die Klinik berichtete bei 19 Prozent dieser Patienten eine vollständige Tumorregression und bei weiteren 21 Prozent Stabilisierung oder Besserung.⁵
Einige besonders auffällige Verläufe gelangten schließlich in das Best Case Series Program des amerikanischen National Cancer Institute.
2008 veröffentlichten Prasanta Banerji, Donald R. Campbell und Pratip Banerji die Ergebnisse in Oncology Reports. Für die Begutachtung waren die Krankenakten von 14 Patienten mit Lungen- beziehungsweise Speiseröhrenkrebs eingereicht worden. Bei vier Fällen lagen nach der Prüfung eine unabhängige Bestätigung der Diagnose und des radiologischen Ansprechens in ausreichender Form vor, um weitere Untersuchungen anzustoßen.⁶
Damit hatte die klinische Erfahrung aus Kolkata ihren Weg in ein Programm des amerikanischen National Cancer Institute gefunden.
Noch bekannter wurde die Geschichte von Ruta graveolens.
Ruta und das Glioblastom
Die Banerjis dokumentieren in ihrem Buch mehrere Patienten mit Hirntumoren anhand von CT- und MRT-Aufnahmen und teilweise histopathologisch gesicherten Diagnosen. Darunter befinden sich Astrozytome und Glioblastome, d.h. Hirntumore aller Grade. Sie beschreiben dabei erhebliche Rückbildungen bis hin zum Verschwinden zuvor sichtbarer Raumforderungen.³
Aus diesen klinischen Beobachtungen entwickelte sich schließlich eine Zusammenarbeit mit Krebsforschern in den USA.
2003 erschien im International Journal of Oncology eine gemeinsame Publikation von Sen Pathak und Asha Multani vom MD Anderson Cancer Center sowie Pratip und Prasanta Banerji.⁷
Schon der Titel bringt den zentralen Befund ungewöhnlich deutlich auf den Punkt:
„Ruta 6 führt selektiv zum Tod von Hirntumorzellen, während es bei normalen Lymphozyten des peripheren Blutes die Zellvermehrung anregt.“*⁷
Im Labor wurden menschliche Hirntumorzellen mit Ruta behandelt. Die Krebszellen wurden geschädigt und starben. Die untersuchten normalen menschlichen Lymphozyten starben dagegen nicht; bei ihnen beobachteten die Forscher vielmehr Überlebenssignale und Zellvermehrung.⁷
Die Publikation berichtete zugleich über 15 Patienten mit intrakraniellen Tumoren, die mit Ruta 6 und Calciumphosphat behandelt worden waren. Bei sechs von sieben darin beschriebenen Gliompatienten berichten die Autoren über eine vollständige Tumorregression.⁷
Ruta blieb nicht der einzige Bestandteil von Banerji-Protokollen, der anschließend im Labor untersucht wurde.
2010 prüften Forscher des MD Anderson Cancer Center gemeinsam mit Prasanta und Pratip Banerji vier ultrahoch verdünnte, von der Banerji-Klinik verwendete Arzneien an zwei menschlichen Brustkrebs-Zelllinien und an normalen Brustepithelzellen. Die untersuchten Präparate zeigten bevorzugte zellschädigende Wirkungen auf die Krebszellen; beschrieben wurden unter anderem Zellzyklusarrest und Apoptose.⁵
Ruta taucht erneut in der Glioblastomforschung auf
2015 griff eine italienische Forschergruppe Ruta graveolens erneut auf und untersuchte die Pflanze an verschiedenen Glioblastom-Zelllinien.⁸
Diesmal wurde keine homöopathische Potenz verwendet, sondern ein wässriger Pflanzenextrakt. Der Versuch untersuchte also eine andere Zubereitung.

Das Ergebnis war erneut bemerkenswert. Der Ruta-Extrakt stoppte die Vermehrung der untersuchten Glioblastomzellen und führte anschließend zu ihrem Absterben. Ausgereifte, nicht mehr proliferierende Nervenzellen wurden unter denselben Versuchsbedingungen dagegen nicht abgetötet. In ihrer Arbeit nahmen die Forscher ausdrücklich Bezug auf die frühere Untersuchung von Pathak, Multani und den Banerjis.⁸
Damit lässt sich eine ungewöhnliche Entwicklung nachzeichnen: Aus klinischer Erfahrung entstand ein Protokoll. Aus dem Protokoll entstand eine Forschungsfrage. Und aus dieser Forschungsfrage entstanden publizierte Laboruntersuchungen.
Neben der vereinfachten Anwendung liegt darin liegt eine weitere Stärke standardisierter klinischer Protokolle mit homöopathischen Arzneimitteln: Eine klar beschriebene Behandlung lässt sich weitergeben, wiederholen und untersuchen.
Warum eigentlich Globuli?
Globuli und Homöopathie werden im allgemeinen Sprachgebrauch beinahe synonym verwendet. Tatsächlich jedoch sind die kleinen Kügelchen in erster Linie Träger der Arzneizubereitung.
Homöopathische Arzneimittel gibt es jedoch ebenso als flüssige Zubereitungen, sogenannte Dilutionen, in Tabletten- sowie Pulverform. Und bei den Banerji-Protokollen ist die Darreichungsform keineswegs immer nebensächlich.
Bei bestimmten Verschreibungen steht ausdrücklich „in liquid“.
Im beschriebenen Hirntumorprotokoll betrifft das beispielsweise Thuja occidentalis und Conium maculatum, und auch bei unterstützenden Verschreibungen finden sich entsprechende Angaben.³
Gemeint ist dabei die flüssige Arzneizubereitung. Das ist nicht dasselbe wie eine in der klassischen Homöopathie ebenfalls verwendete Methode, bei der Globuli in Wasser aufgelöst und aus dieser Lösung weitere Dosen eingenommen werden.
Auch dieses kleine Detail zeigt, was ein klinisches Protokoll ausmacht: Nicht nur die Arznei zählt. Potenz, Einnahmefrequenz und gegebenenfalls die Arzneiform gehören zur Verschreibung.
Von klinischer Erfahrung zur Forschung
Die Banerjis begannen nicht im Labor. Sie begannen mit Patienten.
Über Jahrzehnte und vier Generationen wurden Erfahrungen gesammelt, wiederkehrende Muster erkannt und erfolgreiche Vorgehensweisen standardisiert.
Damit entstand etwas, das bei einer vollständig individualisierten Behandlung wesentlich schwieriger zu erreichen ist: dass andere dieselbe Vorgehensweise nachvollziehen und untersuchen können.
Die Protokolle selbst wurden dabei aus klinischer Erfahrung entwickelt, nicht aus einer neuen Theorie darüber, warum Menschen erkranken. Patienten wurden behandelt. Ergebnisse wurden beobachtet. Wiederkehrende Vorgehensweisen wurden beibehalten und verfeinert.
Aus Beobachtungen entstanden Muster. Aus Mustern entstanden Regeln. Aus Regeln entstanden Protokolle. Und das Erfahrungswissen einzelner Ärzte wurde beschreibbar und weitergebbar.
Die Bedeutung für Bioiatrie®
Genau hier berühren die Banerji-Protokolle den Kern von Bioiatrie®.
Bioiatrie® ist nicht ein anderes Wort für Homöopathie. Sie ist Wissenvermittlung zu klinisch angewandter Homöopathie.
Ein Protokoll sagt zunächst etwas sehr Konkretes: Bei diesem klinischen Bild wurde mit diesen Arzneimitteln, in diesen Potenzen und in dieser Einnahmefrequenz gearbeitet.
Damit haben wir einen Ausgangspunkt.
Wir müssen nicht bei jedem neuen Behandlungsbedürftigen bei null beginnen. Und repertorisieren, d.h. mitunter sehr mühsam das passende Mittel heraussuchen. Wir dürfen auf den Erfahrungen derjenigen aufbauen, die bestimmte Krankheitsbilder bereits hunderte oder tausende Male gesehen und behandelt haben.

Natürlich bleibt die Beobachtung des Verlaufs notwendig. Kein medizinisches Vorgehen wird dadurch sinnvoller, dass man es unbeirrt fortsetzt, ohne auf die Reaktion des Behandelten zu achten.
Der Umgang mit Reaktionen und Veränderungen gehört zur Fallführung, der ich an anderer Stelle eigene Beiträge gewidmet habe.
Hier steht eine andere Erkenntnis im Mittelpunkt: Klinische Homöopathie kann strukturiert, nachvollziehbar und erlernbar sein.
Pareshnath Banerji begann, wiederkehrende klinische Erfahrungen zu erkennen.
Dr. Prasanta Banerji systematisierte sie.
Dr. Pratip Banerji führte Dokumentation und Forschung weiter.
Aus dem Erfahrungswissen einer indischen Ärztefamilie entstand so ein System mit definierten Arzneimitteln, definierten Potenzen und definierten Einnahmeschemata.
Seine Grundidee ist ebenso schlicht wie bestechend: Wenn sich etwas in der klinischen Praxis immer wieder bewährt, sollten wir diese Erfahrung nicht jedes Mal neu erfinden müssen.
Genau dort beginnen die Banerji-Protokolle.
Und genau dort beginnt das Anliegen von Bioiatrie®: klinisches Wissen verständlich, nachvollziehbar und erlernbar zu machen.
Anmerkungen und Literatur
*Übersetzung aus dem Englischen
1. Banerji P, Banerji P. The Banerji Protocols: A New Method of Treatment with Homeopathic Medicines. Dr. Prasanta Banerji Homeopathic Research Foundation; 2013, Reprint 2014. Insbesondere die einleitenden Kapitel zur Entwicklung, Definition, Standardisierung und Namensgebung der Banerji-Protokolle.
2. Dr. Prasanta Banerji Homoeopathic Research Foundation (PBHRF). Biografische Angaben zu Dr. Pratip Banerji und zur Entwicklung von Datenerfassung und Dokumentation an der PBHRF. Offizielle Website der Stiftung.
3. Banerji P, Banerji P. The Banerji Protocols: Cancer. Kapitel 1: „Banerji Protocols in the Treatment of Cancer“. Darin insbesondere Hirntumorprotokolle, dokumentierte Fallverläufe und Angaben zur PBHRF-Datenbank.
4. Dr. Prasanta Banerji Homoeopathic Research Foundation und spätere Darstellungen der Forschungsarbeit der PBHRF. Die im Buch von 2013 genannten mehr als 20.000 Fälle und über 100.000 Konsultationen stellen einen früheren Stand der fortlaufend aufgebauten Datenbank dar.
5. Frenkel M, Mishra BM, Sen S, Yang P, Pawlus A, Vence L, LeBlanc A, Cohen L, Banerji P, Banerji P. Cytotoxic effects of ultra-diluted remedies on breast cancer cells. International Journal of Oncology. 2010;36(2):395–403. doi:10.3892/ijo_00000512.
6. Banerji P, Campbell DR, Banerji P. Cancer patients treated with the Banerji protocols utilising homoeopathic medicine: A Best Case Series Program of the National Cancer Institute USA. Oncology Reports. 2008;20(1):69–74. doi:10.3892/or.20.1.69.
7. Pathak S, Multani AS, Banerji P, Banerji P. Ruta 6 selectively induces cell death in brain cancer cells but proliferation in normal peripheral blood lymphocytes: A novel treatment for human brain cancer. International Journal of Oncology. 2003;23(4):975–982. doi:10.3892/ijo.23.4.975.
8. Gentile MT, Ciniglia C, Reccia MG, Volpicelli F, Gatti M, Thellung S, Florio T, Melone MAB, Colucci-D’Amato L. Ruta graveolens L. induces death of glioblastoma cells and neural progenitors, but not of neurons, via ERK1/2 and AKT activation. PLOS ONE. 2015;10(3):e0118864. doi:10.1371/journal.pone.0118864.
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