top of page

Die Kunst der Verlaufsbeurteilung (1)

29. Mai
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. Sept.

Oder: Was wir bei akuten Beschwerden erwarten dürfen.



Normalerweise gehört dieser Platz Boo. Er erzählt Geschichten. Ich erkläre, was wir daraus lernen können. Deshalb ist zwischen seinen Beiträgen gelegentlich auch ein Artikel von mir zu finden. Darin geht es um Bioiatrie – die Wissensvermittlung zu klinischer angewandter Homöopathie – und um die Frage, wie wir Gesundheit, Krankheit und Behandlungsverläufe besser verstehen und beobachten können.


Hier geht es konkret um eine dreiteilige Einführung in eines der wichtigsten Werkzeuge der Bioiatrie.


Eine der häufigsten Fragen, die von Menschen gestellt wird, die beginnen, klinische Homöopathie anzuwenden, lautet: „Woher weiß ich eigentlich, ob das Protokoll wirkt?“


Hinter dieser Frage steckt meist mehr als reine Neugier. Es geht um Unsicherheit.


Wann sollte ich weitermachen? Wann aufhören? Wann das Protokoll wechseln? Und vor allem: Wann darf ich überhaupt erwarten, dass sich etwas verändert?


Die Antwort beginnt mit einer grundlegenden Unterscheidung, die jeder Anwender klinischer Homöopathie verstehen sollte: Akute und chronische Beschwerden folgen unterschiedlichen Zeitgesetzen.



Wenn der Körper laut ruft


Ein Megaphon als Sinnbild für die laute Sprache des Körpers bei akuten Erkrankungen.

Akute Beschwerden sind gewissermaßen die „Sofortnachrichten“ des Organismus.


Eine Verstauchung.

Eine Halsentzündung.

Ein Harnwegsinfekt.

Eine Magenverstimmung.

Ein Insektenstich.

Ein plötzlich auftretender Kopfschmerz.


Solche Beschwerden entwickeln sich meist innerhalb kurzer Zeit und verändern sich ebenfalls rasch.


Boo erinnert mich regelmäßig daran.


Wenn er auf einer seiner Expeditionen durch Wiesen und Felder eine Pfote überlastet oder sich eine kleine Verletzung zuzieht, beobachte ich ihn nicht erst in drei Monaten wieder.


Ich schaue wenige Zeit später und regelmäßig: Läuft er besser? Belastet er die Pfote wieder? Wirkt er entspannter?


Niemand würde ernsthaft sagen: „Geben wir dem Ganzen erst einmal ein halbes Jahr Zeit.“


Das wäre offensichtlich absurd. Und genau deshalb dürfen wir bei akuten Beschwerden auch relativ rasch eine Reaktion erwarten.



Was bedeutet eigentlich „Verbesserung“?


Hier lauert bereits die erste Falle: Viele Menschen glauben, ein Mittel habe nur dann gewirkt, wenn das Problem vollständig verschwunden ist. Doch so funktioniert die Realität oft nicht.


Stellen wir uns vor, jemand leidet unter starken Kopfschmerzen.


Vor einer Stunde konnte er kaum die Augen öffnen. Jeder Lichtstrahl fühlte sich wie ein Presslufthammer an. Nach einigen Gaben eines entsprechenden Protokolls sind die Schmerzen noch vorhanden, aber deutlich erträglicher. Der Betroffene kann wieder lesen, telefonieren oder einen Spaziergang machen.


Ist der Kopfschmerz verschwunden? Nein. Hat sich etwas verbessert? Ganz eindeutig.


Und genau diese Bewegung in Richtung Wohlbefinden interessiert uns. Nicht Perfektion. Sondern Fortschritt.



Die Polaroid-Lektion


Ich möchte mich einer Analogie Joette Calabrese's, meiner Dozentin, bedienen, und wer alt genug ist, erinnert sich vielleicht noch daran: Polaroidkameras. Für jüngere Leser: Das waren Kameras, die ein Bild sofort ausdruckten.


Zunächst sah man auf dem Ausdruck fast nichts. Dann erschienen langsam Konturen. Wenig später Farben. Und plötzlich war das Bild vollständig entwickelt.


Akute Beschwerden erinnern oft daran.


Nicht jede Verbesserung geschieht schlagartig. Aber wir sollten beobachten können, dass sich das Bild der Gesundung entwickelt:


Der Juckreiz wird schwächer.

Der Schmerz verliert seine Schärfe.

Die Beweglichkeit kehrt zurück.

Der Schlaf verbessert sich.

Irgendetwas bewegt sich in die richtige Richtung.



Wann sollte man umdenken?


Genauso wichtig wie Geduld ist Ehrlichkeit.


Wenn bei einer akuten Beschwerde nach vier korrekt verabreichten Gaben des Protokolls keinerlei Veränderung erkennbar ist, sollten wir unsere Wahl überdenken.


Nicht aus Ungeduld. Sondern weil akute Beschwerden uns normalerweise recht schnell Rückmeldung geben. Ein Protokoll, das wirkt, hinterlässt Spuren. Vielleicht keine spektakulären, aber erkennbare.



Nicht zu früh eingreifen


Mindestens ebenso häufig erlebe ich das Gegenteil: Jemand erlebt erste Verbesserungen und beginnt sofort zu experimentieren.


Ein weiteres Mittel.

Ein anderes Protokoll.

Noch eine Empfehlung aus dem Internet.

Und ein gut gemeinter Rat von Tante Erna.


Plötzlich wird alles gleichzeitig verändert.


Das Problem dabei: Man weiß anschließend nicht mehr, was eigentlich geholfen hat.


Und dieses Wissen ist beim nächsten Auftreten ähnlicher Beschwerden Gold wert. Nicht nur, weil dann - wenn wir nicht gerade von Unfällen sprechen - häufig eine schnellere Regulierung erreicht wird. Sondern weil das richtige Protokoll dafür sorgen kann, den Organismus dauerhaft gegen des Wiederauftreten dieser Beschwerden zu wappnen oder diese zumindest deutlich milder ausfallen zu lassen.


Bewährte klinische Protokolle verdienen die Chance, ihre Wirkung zu entfalten.


Wenn sich etwas verbessert, besteht meist kein Grund, hektisch einzugreifen. Was - zugegeben - eine schwere Aufgabe sein kann, wenn man sein Kind, sein Haustier oder seinen Partner leiden sieht.



Was akute Fälle uns lehren


Akute Beschwerden sind hervorragende Lehrer. Sie zeigen uns, wie der Organismus auf einen Reiz reagiert. Sie schulen unser Beobachtungsvermögen.


Und sie vermitteln eine wichtige Lektion: Nicht jede Verbesserung beginnt mit einem großen Knall.


Oft beginnt sie mit einem kleinen Schritt in die richtige Richtung.


Wer lernt, diese Schritte zu erkennen, hat bereits eine der wichtigsten Grundlagen der klinischen Homöopathie verstanden.



Und die moderne Medizin?


Zu Beginn dieser Reihe ist mir wichtig zu erwähnen, dass wir bei aller Aufmerksamkeit für den Verlauf einer Erkrankung einen Punkt nicht vergessen dürfen: Nicht jede Veränderung gehört ausschließlich homöopathisch beurteilt.


Neue, ungewöhnliche uns insbesondere bedenkliche Symptome können eine ärztliche Abklärung notwendig machen. Moderne Diagnostik ist wertvoll - darauf fußt die Anwendung der Banerji-Protokolle! -, und bei ernsthaften Erkrankungen oder gravierenden Krankheitsverläufen kann eine schulmedizinische Behandlung selbstverständlich erforderlich sein.


Die Forschungsergebnisse zu den Banerji-Protkollen zeigen uns, dass die klinische Homöopathie schier Unglaubliches zu leisten vermag. Sie ersetzt aber, insbesondere bei Anwendung durch Laien, nicht die Verantwortung, Warnzeichen ernst zu nehmen. Auch das gehört zu einer vernünftigen Verlaufsbeurteilung.


Dennoch lernen insbesondere Mütter oder Tierhalter schnell, dass nicht bei jedem Fieber oder Infekt sofort Panik entstehen oder die "chemische Keule" ausgepackt werden muss. Im Zweifel kann ein smarter Mittelweg auch sein, das schulmedizinisch verordnete Medikament sicherheitshalber im Haus zu haben, falls das homöopathische Protokoll nicht in angemessener Zeit greift.


Dr. Pratip Banerji gab Joette Calabrese einst mit, ihren Studierenden folgenden Rat zu erteilen: „Stop Hunting for Disease“, was sinngemäß bedeutet "Höre auf, nach Krankheiten zu suchen". Das bedeutet nicht, Krankheiten zu ignorieren. Es bedeutet, nicht aus jedem Unwohlsein eine diagnostische Großbaustelle zu machen und nicht jedes Lebewesen, ob nun Mensch oder Tier, so lange zu untersuchen, bis irgendwo ein Wert gefunden wird, den man behandeln kann.


Denn der wird immer gefunden.


Es bedeutet, ausschließlich Beschwerden, Pathologien zu behandeln. Und das immer mit vernünftigem Blick auf den medizinischen Rahmen.

 
 
 

Kommentare


STAY UP TO DATE

  • Facebook
  • Grey Instagram Icon
  • Pinterest

Robert-Weise-Straße 36, 85456 Wartenberg |  bioiatrie@cathrinherzog.com

​

Impressum | Datenschutz | AGB | Disclaimer | Vertrag widerrufen

​

​

Die Inhalte dieser Seiten vermitteln Wissen zur klinischen und diagnosebasierten Anwendung von Homöopathie im komplementären Gesundheitskontext. Ihre Nutzung liegt in eigener Verantwortung, und sie ersetzen keine (tier-)ärztliche Diagnose oder Behandlung.

​​

bottom of page