Das kleine Wesen, das nicht wusste, wohin mit sich
- Boo

- 1. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Mai
Oder: Wenn Schmerz laut wird – und dann plötzlich still.
Ich mag keinen unnötigen Lärm.
Ich bin durchaus bereit zu bellen – gezielt, mit Haltung, wenn es angebracht ist. Post. Katzen. Unklare Bewegungen im Nachbargarten. Aber dieses Geräusch…dieses hohe, unruhige, immer wiederkehrende Wiiieeeen-Wuff-wieeieie…das kam mir nicht richtig vor.
Es kam durch die Tür. Ich stand im Flur, wartete. Die Klingel hatte schon gesprochen. Ich hatte geantwortet. Deutlich. Dann ging die Tür auf. Und da war er. Klein. Sehr klein. Mit Ohren, die irgendwie noch nicht wussten, wo sie hingehören.
Ein Baby-Cockerspaniel.
Er zappelte auf Mamis Arm, wand sich, fiepte, wollte runter – und dann doch nicht. Seine Augen waren groß. Zu groß für so einen kleinen Kopf.
„Das ist Milo“, sagte Mami. Ich sah ihn an. Milo sah mich an. Dann fing er wieder an zu jammern.
Mami setzte ihn auf den Boden. Er lief zwei Schritte. Blieb stehen. Setzte sich. Stand wieder auf. Fiepte. Lauter. Er lief zu mir. Roch an meiner Pfote. Fiepte. Ich blieb ruhig. Das ist wichtig in solchen Situationen.
Er wollte hoch. Dann wieder runter. Dann irgendwo hin, wo es offenbar auch nicht besser war. Ich kannte das nicht von mir. Wenn ich etwas will, weiß ich es. Wenn ich etwas nicht will, zeige ich es. Aber Milo…wusste nichts.
„Er zahnt“, sagte die Frau, die ihn gebracht hatte. „Und er hat ein bisschen Fieber… er kommt gar nicht zur Ruhe.“

Ich sah ihn an. Er kaute auf allem. Auf seinem eigenen Ohr. Auf meiner Leine. Auf der Luft. Und zwischendurch dieses Weinen. Nicht aus Trotz. Aus Überforderung.
Ich ging ein Stück zur Seite. Beobachtete. Milo legte sich hin. Sprang wieder auf. Drehte sich. Winselte. Er wollte schlafen. Das sah ich. Aber er konnte nicht.
Mami verschwand kurz und kam mit einem der kleinen Fläschchen zurück.
Ich hob den Kopf. Das Fläschchen ist selten falsch. „Chamomilla C200“, sagte sie leise.
Die Frau nickte. Als hätte sie gehofft, dass genau das jetzt kommt.
Milo bekam die Kügelchen. Er schmatzte kurz. Fiepte noch einmal. Ein bisschen schwächer.
Dann lief er noch zwei kleine, unsichere Kreise. Als würde er prüfen, ob der Boden jetzt anders ist.
War er wohl. Denn plötzlich setzte er sich. Ganz einfach so. Er sah sich noch einmal um. Zu mir. Zu Mami. Zur Welt.
Und dann… legte er sich hin. Ohne Drama. Ohne Widerstand. Sein Kopf sank auf die Pfoten. Die Augen fielen zu. Still.

Ich stand auf und ging zu ihm. Ganz langsam.Man stört niemanden, der endlich angekommen ist.
Ich legte mich ein Stück neben ihn. Nicht zu nah. Aber nah genug.
Er roch jetzt anders. Ruhiger. Sein Atem wurde gleichmäßig. Dieses kleine Zittern verschwand. Ich seufzte leise.
Manchmal ist die Welt zu viel für kleine Wesen. Zu viele Empfindungen. Zu wenig Verständnis dafür.
Dann hilft kein Erklären. Kein „Jetzt stell dich nicht so an“. Das wäre… unhöflich. Manchmal braucht es nur etwas, das sagt: Du darfst jetzt loslassen.
Milo schlief lange.
Als er wieder aufwachte, war er… ein anderer kleiner Wuff. Er wedelte. Langsam erst. Dann ein bisschen mehr. Er kam zu mir. Roch. Und blieb. Ohne Fiepen. Ich nickte innerlich. So ist das besser.
Man muss nicht alles aushalten. Aber man darf lernen, dass es auch wieder aufhört.
Ich legte den Kopf auf meine Pfoten. Der Tag war wieder in Ordnung.
Euer Boo
🐾
Protokoll:
Chamomilla C200 – bei Zahnungsbeschwerden mit starker Unruhe, Reizbarkeit, Schmerzempfindlichkeit, Weinen und gleichzeitiger Erschöpfung (oft mit leichtem Fieber) - alle 3-12 Stunden nach Bedarf im Akutfall, bis es deutlich besser geht
Anwendung in eigener Verantwortung. Homöopathie ersetzt im Ernstfall niemals die Konsultation eines (Tier-)Arztes.



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