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Der Stachel im Hals

27. Juni
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. Sept.

Oder: Warum ich heute lieber „Seite“ gehe



Der Sommer hat viele gute Seiten. Die Terrassentür steht offen. Der Wind trägt Düfte aus dem Garten herein. Mami sitzt draußen mit einer Tasse Tee, Papi werkelt irgendwo am Hang, und ich liege strategisch klug zwischen beiden, damit mir nichts Wichtiges entgeht.


Wobei „nichts Wichtiges“ natürlich Auslegungssache ist.


Für mich gehören dazu Rehe am Waldrand. Die Post. Frau J, wenn sie wieder so tut, als gehöre ihr unser Garten. Und leider auch diese kleinen gelb-schwarzen Fluggeräte mit eingebautem Brummmotor. Schon das Geräusch lässt meine Ohren zucken.


Bsssssss.

Ich hebe den Kopf.

Bsssssss.

Ich schaue nach links.

Bsssssss.

Und wenn das Summen näherkommt, stehe ich inzwischen meist auf und gehe würdevoll zügig an einen anderen Ort.


Mami nennt das „Seite“. „Seite, Boo.“


Das sage ich mir inzwischen manchmal selbst. Denn ich habe gelernt, dass nicht alles, was fliegt, eingefangen werden sollte.


Früher wusste ich das nicht. Damals war ich jung. Sehr jung. Und ehrlich gesagt hielt ich mich für ziemlich geschickt.


Es war ebenfalls Sommer gewesen. Einer dieser warmen Nachmittage, an denen die Luft nach Gras roch und alles lebendig summte. Mami und ich waren im Garten. Ich war mit wichtigen Kontrollen beschäftigt. Die Hecke musste überwacht werden. Die Terrasse ebenfalls. Und natürlich die gesamte Lufthoheit über unserem Grundstück.


Da entdeckte ich sie. Eine Wespe. Sie flog direkt vor meiner Nase herum. Mal hier. Mal dort. Frech. Herausfordernd. Fast so, als wollte sie getestet werden.


Ich beobachtete sie eine Weile. Sie schwebte. Ich schlich. Sie summte. Ich spannte die Hinterbeine an. Und dann tat ich, was junge Hunde tun, wenn sie eine ausgesprochen schlechte Idee für eine ausgesprochen gute halten.


Der junge Boo schnappt neugierig nach einer summenden Wespe während Mami erschreckt zusieht.

Ich schnappte.

Nicht halbherzig.

Nicht vorsichtig.

Sondern mit vollem Einsatz.


Die Wespe verschwand. Für ungefähr eine halbe Sekunde hielt ich mich für einen erfolgreichen Jäger. Dann kam der Schmerz. Ein stechender, brennender Schmerz tief hinten im Hals. Nicht auf der Zunge. Nicht an der Lefze. Tief drin.


Ich sprang rückwärts, riss das Maul auf und gab einen Laut von mir, den ich heute noch ungern zugebe. Es war kein Bellen. Kein Wuff. Nicht einmal ein Jaulen.

Eher ein erschrockenes, fiependes, und auch ein wenig schrilles Weinen.


Ich lief los. Direkt zu Papi. Und warf mich regelrecht in seine Arme. Ja, ich weiß. Ein Akita von meiner Größe sollte sich vermutlich nicht werfen. Aber in solchen Momenten hat man andere Prioritäten. Papi fing mich auf, setzte sich hin und hielt mich fest. Ich zitterte.

Nicht nur vor Schmerz. Sondern weil ich überhaupt nicht verstand, was gerade passiert war.


Mami kam sofort herüber. „Die hat ihn im Hals erwischt“, sagte sie. Mehr mussten wir eigentlich gar nicht wissen. Niemand hatte Lust herauszufinden, was als Nächstes passieren würde.


Papi hält Boo beruhigend im Arm, nachdem Mami ihn nach einem Wespenstich versorgt hat.

Mami verschwand kurz im Haus und kam mit einem kleinen Röhrchen zurück. Apis C30.

Ein paar Kügelchen auf die Lefze. Dann beobachtete sie mich, während Papi einen Arm um mich gelegt hielt.


Und dann geschah etwas Erstaunliches. Keine zwei Minuten später wurde das Brennen schwächer. Noch eine Minute später war es fast verschwunden.


Ich schluckte vorsichtig. Dann noch einmal. Und noch einmal. Nichts tat mehr weh.

Ich stand auf. Vorsichtig. Etwas misstrauisch. Man weiß ja nie. Vielleicht wartete die Wespe irgendwo und plante eine Fortsetzung. Also kontrollierte ich mein Maul. Meinen Hals. Die Terrasse. Sicherheitshalber auch Papi. Alles schien in Ordnung zu sein. Nur meinem Vertrauen in fliegende Insekten hatte die Sache dauerhaft geschadet.


Seitdem halte ich respektvollen Abstand. Natürlich nicht sofort. Junge Hunde lernen selten beim ersten Mal. Aber irgendwann verstand ich das Prinzip.


Wenn etwas summt, brummt oder verdächtig durch die Luft schwebt, gibt es zwei Möglichkeiten: Man schnappt danach oder man geht Seite.


Heute wähle ich meistens die zweite. Gut, manchmal auch die dritte Möglichkeit. Dann verstecke ich mich hinter Mami. Man muss seine Erfahrungen schließlich sinnvoll nutzen.


Und wenn heute eine Wespe über die Terrasse fliegt, beobachte ich sie aus sicherer Entfernung.


Sie darf summen.

Ich darf leben.

Das erscheint mir ein fairer Kompromiss.



Euer Boo


🐾




Protokoll:

Apis mellifica C30 – bei Insektenstichen, die brennen, anschwellen oder heiß werden, besonders im Bereich von Schleimhäuten (Mund/Maul, Rachen, Zunge) – im Akutfall möglichst frühzeitig geben, bei Bedarf die Gabe nach 15 Minuten wiederholen, im Ernstfall auch in höherer Potenz (C200) alle paar Minuten (beim Warten auf/auf dem Weg zum Notarzt!). 


Anwendung in eigener Verantwortung. Homöopathie ersetzt im Ernstfall niemals die Konsultation eines (Tier-)Arztes oder Notarztes.



 
 
 

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