Der Tag, an dem Omama wieder weiter sehen konnte
- Boo

- 18. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Oder: Wie manchmal nicht alles wieder gut wird - aber gut genug.
Ich mag Omama. Sie riecht nach weichen Pullovern, ein bisschen nach Kaffee und nach früher. Nach einer Zeit, die ich nicht kenne, aber die sich ruhig anfühlt.
Wenn sie kommt, setze ich mich meistens neben sie. Nicht zu nah. Omama ist keine, die man überrennt. Sie ist eine, bei der man einfach da ist.
Früher hat sie mich oft direkt angeschaut. So richtig. In die Augen. Menschen machen das ja manchmal – als wollten sie etwas darin lesen. Ich habe das immer höflich erwidert.
Dann hörte sie irgendwann damit auf. Nicht ganz. Aber es wurde… anders.

Ihr Blick wanderte manchmal ein kleines Stück neben mein Gesicht. Als säße ich nicht ganz dort, wo ich saß.
Ich habe das gemerkt. Natürlich. Ich merke auch, wenn eine Amsel zwei Gärten weiter falsch landet.
Mami und Papi sprachen leiser, wenn sie über Omama redeten. „Die Augen…“„Schon wieder eine Spritze…“„Es wird nicht mehr wie früher…“
Ich verstand nicht alles. Aber ich verstand genug.
Omama selbst sagte wenig dazu. Sie strich mir einfach öfter über den Kopf.
Manchmal ein bisschen suchend.
Ich blieb dann ganz still. Ein guter Hund weiß, wann er sich nicht bewegen sollte.
An einem Nachmittag saßen wir alle im Wohnzimmer. Ich lag auf meinem Platz, Toni unter der Pfote, halb wach, halb denkend.
Mami kam mit diesem kleinen Glas. Dem mit den Kügelchen. Ich kenne es gut. Es bedeutet meistens: Es wird sich etwas verändern.
„Für die Augen“, sagte sie leise.
Omama nickte. Als hätte sie schon lange gewusst, dass jetzt etwas kommen würde.
Die Kügelchen waren klein. Aber ich habe gelernt: Größe ist kein Argument.
Die Tage danach waren unspektakulär. Und genau das ist oft ein gutes Zeichen.
Omama kam. Sie saß. Sie trank Kaffee. Sie strich mir über den Kopf.
Die Kügelchen nahm sie jeden Morgen und jeden Abend. Ganz selbstverständlich. Als gehörten sie inzwischen zu ihrer Kaffeetasse und ihrem Lieblingsplatz.
Tag für Tag.
Und irgendetwas… ordnete sich.
Nicht plötzlich. Nicht mit einem großen WUFF.
Eher wie ein Nebel, der beschließt, jeden Morgen ein kleines bisschen dünner zu werden.
Wochen vergingen. Dann Monate.
Menschen mögen schnelle Geschichten.
Aber manche Erholungen scheinen die Zeit einfach mitzuverordnen.
Eines Tages stand ich am Fenster. Balkonwache. Pflichtbewusstsein. Leicht erhöhter Puls wegen einer verdächtigen Katze.
„Boo?“
Ich drehte den Kopf.
Diesmal traf ihr Blick mich direkt. Nicht daneben. Nicht darüber hinweg. Mich.
Drei Monate waren vergangen.
Ich ging zu ihr. Langsam, würdevoll – man will ja nichts ruinieren.
Sie lächelte. „Da bist du ja.“ Als wäre ich kurz weg gewesen.
Ich setzte mich vor sie. Ganz gerade. Ein bisschen stolz vielleicht.
Ihre Hand fand meinen Kopf ohne Umwege.

Später hörte ich, wie Mami am Telefon sprach. „Der Arzt hat sie wieder nach Hause geschickt… noch nicht nötig…“„Das rechte Auge liegt inzwischen bei siebzig Prozent…“
Siebzig ist viel. Mehr als die Hälfte. Weniger als alles. Aber manchmal ist genau das der Punkt.
Und die Kügelchen blieben. Jeden Morgen. Jeden Abend.
Noch einmal vergingen Monate.
Als Omama mich das nächste Mal ansah, blieb ihr Blick wieder an mir hängen. Ruhig. Sicher.
Später hörte ich Mami lächeln. „Jetzt sind beide Augen bei etwa siebzig Prozent."
Ich habe verstanden: Nicht alles kehrt zurück. Manche Dinge bleiben angeknabbert vom Leben.
Aber manchmal… wird es heller.
Nicht über Nacht. Sondern jeden Tag ein kleines bisschen.
Genug, um wieder zu sehen, wer vor einem sitzt.
Und manchmal sogar genug, damit zwei Augen denselben Weg zurückfinden.
Ich lege dann meinen Kopf auf Omamas Knie. Und bleibe.
Damit sie weiß, wo ich bin.
Und damit ich weiß, dass sie mich sieht.
Ein bisschen mehr als gestern.
Und morgen vielleicht wieder ein kleines bisschen mehr.
Das ist, in meiner Welt, ein ziemlich guter Tag.
Euer Boo
🐾
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Anwendung in eigener Verantwortung. Homöopathie ersetzt im Ernstfall niemals die Konsultation eines (Tier-)Arztes.



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