Die Kunst der Verlaufsbeurteilung (2)
Aktualisiert: 5. Sept.
Oder: Was wir bei chronischen Erkrankungen erwarten dürfen.
Wieder einmal hat Boo mir ein bisschen Platz eingeräumt, damit ich mit der begonnenen Serie zur Beurteilung von Behandlungsverläufen fortfahren kann.
Im ersten Teil haben wir uns den Erwartungen in Bezug auf akute Beschwerden gewidmet. Heute geht es weiter mit der Behandlung chronischer Erkrankungen.
Nachdem wir im ersten Teil über akute Beschwerden gesprochen haben, betreten wir nun ein ganz anderes Terrain. Denn chronische Erkrankungen spielen nach anderen Regeln. Wer versucht, sie nach den Maßstäben akuter Erkrankungen zu beurteilen, wird fast zwangsläufig enttäuscht.
Der tägliche Blick aufs Maßband
Stellen wir uns vor, Eltern würden ihr Kind jeden Morgen an die Wand stellen und seine Körpergröße messen.
Montag - keine Veränderung.
Dienstag - keine Veränderung.
Mittwoch - immer noch nichts.
Nach zwei Wochen könnten sie zu dem Schluss kommen: „Dieses Kind wächst überhaupt nicht.“ Natürlich wäre das Unsinn. Wachstum findet statt.
Aber nicht in einer Geschwindigkeit, die wir täglich wahrnehmen können. Eher stellt man nach 6 Wochen fest, dass plötzlich die Hose nicht mehr zugeht.
Genau so verhält es sich oft bei chronischen Erkrankungen. Weshalb wir den Behandlungsverlauf in Bezug auf solche grundsätzlich frühestens nach 6 Wochen beurteilen.
Warum Chronisches Zeit braucht
Viele chronische Beschwerden entstehen und begleiten Menschen über Jahre. Manchmal über Jahrzehnte.
Schlafstörungen.
Migräne.
Arthrose.
Ekzeme.
Wiederkehrende Infekte.
Allergien.
Wenn sich ein Zustand über viele Jahre entwickelt hat, wäre es wenig realistisch zu erwarten, dass er innerhalb weniger Tage verschwindet. Denn der Organismus arbeitet häufig schrittweise. Nicht sprunghaft. Und gerade bei chronischen Erkrankungen vollzieht sich die Besserung nicht liniar. Es geht 2 Schritte nach vorne, 1 zurück, 3 Schritte nach vorne, 1 zurück, manchmal auch 2 zurück. Es geht um den Nettogewinn nach 6-8 Wochen.
In diesem Zusammenhang begegnen wir einem erstaunlichen Phänomen: Wir neigen dazu, Verbesserungen zu vergessen. Nicht absichtlich. Sondern weil unser Gehirn auf aktuelle Probleme fokussiert ist.
Wenn ein Mensch heute noch gelegentlich schlecht schläft, erinnert er sich oft stärker an die letzte schlechte Nacht als an die Tatsache, dass er vor zwei Monaten überhaupt nicht schlafen konnte.
Das Problem mit unserem Gedächtnis
Chronische Beschwerden haben eine besondere Eigenschaft: Sie verändern nicht nur den Körper. Sie verändern auch unsere Wahrnehmung.
Wer seit Jahren unter Migräne leidet, erinnert sich meist an die letzte Attacke.
Wer seit Jahren schlecht schläft, erinnert sich an die letzte schlaflose Nacht.
Wer seit Jahren unter Ekzemen leidet, nimmt jede neue Rötung wahr.
Die kleinen Verbesserungen dazwischen verschwinden erstaunlich schnell aus dem Gedächtnis.
Deshalb höre ich in Gesprächen gelegentlich Aussagen wie: „Eigentlich hat sich nichts verändert." Dann schaue ich in die Fallnotizen.
Vor acht Wochen lag die Schlafqualität bei 2 von 10 - heute bei 6 von 10.
Die nächtlichen Beschwerden sind von sieben Nächten pro Woche auf zwei gesunken.
Die Energielage hat sich verbessert.
Und plötzlich wird dem Betroffenen bewusst: "Stimmt. Wenn ich ehrlich bin, geht es mir tatsächlich besser." Nicht weil er unaufmerksam wäre. Sondern weil Menschen Fortschritte oft schlechter wahrnehmen als Probleme. Sie schenken Positivem weniger Aufmerksamkeit als Negativem. Etwas, das wir - leider - in allen Bereichen menschlichen Lebens nahezu täglich beobachten können, nicht nur in Bezug auf körperliches oder mentales Unwohlsein.
Deshalb gehören Behandlungsnotizen zu den wertvollsten Werkzeugen der gekonnten Anwendung auch klinischer Homöopathie. Nicht, weil sie kompliziert wären. Sondern weil sie uns helfen, ehrlich zu bleiben.
3 Fragen, die immer gestellt werden sollten...
Bei chronischen Beschwerden interessieren drei Dinge besonders:
Wie stark sind die Symptome?
Wie oft treten sie auf?
Wie lange dauern sie an?
Diese drei Fragen liefern häufig mehr Klarheit als seitenlange Analysen. Es sind 3 diese Wege, wie ein Organismus uns zeigt, dass er auf dem richtigen Weg ist.
Stellen wir uns zwei Menschen vor. Der erste leidet unter Migräne, der zweite unter wiederkehrenden Ekzemen.
Beide kommen nach zwei Monaten zurück und sagen: „Das Problem ist noch da."
Viele würden an dieser Stelle enttäuscht sein. Doch jetzt beginnt die eigentliche Beobachtungsarbeit.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht: "Ist das Problem noch da?"
Sondern: "Wie hat es sich verändert?"
... und 3 Wegweiser der Verbesserung
Verbesserungen bei chronischen Beschwerden werden oft auf drei typische Arten sichtbar:
Die Beschwerden werden weniger intensiv.
Die Migräne kommt vielleicht noch.
Aber das Schmerzlevel ist geringer, die Kopfschmerzen bestimmen nicht mehr den ganzen Tag.
Die Beschwerden dauern kürzer.
Der Anfall endet früher.
Die Erholungszeit verkürzt sich.
Die Abstände zwischen den Episoden werden größer.
Das Problem taucht seltener auf. Der Organismus gewinnt Raum.
Oft verbessert sich zuerst der Allgemeinzustand
Dies ist eine Beobachtung, die viele überrascht: Häufig verändern sich zunächst die sogenannten Allgemeinsymptome.
Die Energie steigt.
Der Schlaf wird tiefer.
Die Stimmung stabilisiert sich.
Die Belastbarkeit nimmt zu.
Der Betroffene sagt vielleicht: „Eigentlich geht es mir insgesamt besser.“
Und genau diese Aussage verdient Aufmerksamkeit, denn Gesundheit besteht nicht nur aus dem Verschwinden einzelner Symptome. Gesundheit zeigt sich oft zuerst als Rückkehr von Lebensqualität, und genau das ist es, worum es geht: Um ein vernünftiges Maß an Lebensqualität. Denn perfekte Gesundheit gibt es selten, Leiden bzw. Erkrankungen gehören zum Leben dazu. Nicht jedes kleine Unwohlsein muss behandelt werden. Einschränkungen jedoch so weit zu reduzieren, dass wir unser Leben weiterleben können, ist kein unanständiges Ziel.
Die Versuchung der Ungeduld
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Der menschliche Organismus funktioniert allerdings nicht wie ein Online-Shop, sondern er folgt seiner eigenen Biologie. Wer bei jedem nur kleinen Fortschritt die Richtung wechselt, läuft Gefahr, eine Entwicklung zu unterbrechen, die gerade erst begonnen hat.
Chronische Erkrankungen lehren uns etwas, das heute selten geworden ist: Beobachtende Geduld.
Nicht passives Abwarten. Nicht Untätigkeit. Sondern die Fähigkeit, Entwicklungen zu erkennen, bevor sie offensichtlich werden. Und die Geduld, nicht täglich Entwicklungen zu erwarten. Letzteres ist schwer, insbesondere, wenn man Familienmitglieder behandelt.
Aber genau darin liegt ein wesentlicher Teil guten Verlaufsmanagements und damit des Behandlungserfolgs. Wann es geboten ist, die Richtung zu wechseln, damit befassen wir uns im nächsten Teil dieser Reihe.



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