Wenn der Himmel knurrt
Aktualisiert: 5. Sept.
Oder: Warum auch ein Wächter manchmal bewacht werden muss
Es war ein Abend, an dem zunächst überhaupt nichts Besonderes geschah.
Ich lag im Wohnzimmer und hatte Dienst. Nicht anstrengend. Man muss als guter Wächter nicht ständig herumlaufen. Es genügt meistens, strategisch günstig zu liegen und gelegentlich ein Ohr zu bewegen.
Genau dieses Ohr bewegte sich. Ich hob den Kopf.
Mami las auf der Couch, Papi saß neben ihr. Keiner von beiden hatte etwas bemerkt.
Ich schon. Irgendwo weit weg war etwas. Noch kein Donner. Eher dieses merkwürdige Gefühl in der Luft, bevor der Himmel beschließt, sich daneben zu benehmen.
Ich sah zum Fenster. Still. Ich stand auf und ging hin. Das Fenster war offen.
Ich betrachtete den Himmel sehr genau, schnupperte und lauschte. Dann ging ich zum nächsten Fenster und überprüfte auch dort die Lage.
Mami sah von ihrem Buch auf. „Boo?“ Ich blieb stehen und horchte. Mami kennt diesen Blick. Sie nahm ihr Handy, sah auf den Wetterbericht und sagte nur: „Ah.“
Endlich.
Manchmal dauert es ein wenig, bis Menschen auf demselben Informationsstand sind.
Diesmal allerdings wusste Mami, was zu tun war. Das war früher nicht immer so.
Ich erinnere mich noch gut an einen Abend vor einigen Jahren. Damals hatte ich genauso angefangen. Erst die Ohren. Dann die Fenster. Dann dieses ruhelose Wandern zwischen Mami, Papi und der vermeintlich sichersten Ecke des Hauses.
Papi hatte die Fenster geschlossen und sämtliche Läden heruntergelassen.
Aber der Himmel war schneller gewesen. Der erste richtige Donner kam wie ein Schlag.
Ich erstarrte. Für einen Moment wusste mein Körper offenbar nicht mehr, was er mit sich anfangen sollte.
Dann wusste er es. Weg.
Ich eilte in den Flur.
Die Ecke neben der Treppe hatte mehrere Wände und kein Fenster. Baulich erschien mir das vernünftig. Noch vernünftiger erschein mir allerdings die Waschküche. Ich legte mich hin.

Dann stand ich wieder auf. Vielleicht war Mami sicherer. Da kam Mami schon, um nach mir zu schauen. Sie sagte nicht viel. Das mag ich ich an ihr, Wenn ich Angst habe, brauche ich keinen langen Erklärungen darüber, dass ich keine Angst haben muss. Ich habe sie ja bereits.
Sie setzte sich kurz zu mir und strich mir über den Kopf. Das half. Nicht gegen das Gewitter. Aber gegen das Alleinsein.
Dann ging sie wieder ins Wohnzimmer. Ich folgte ihr. Nur um zu überrpüfen, ob dort alles in Ordnung war. Natürlich.
Ich stellte mich neben sie. Sie legte ihre Hand auf meinen Hals. Gut. Aber ich konnte riechen, wie sie mit mir litt. Nicht gut.
Dann grollte es wieder.
Ich sah zu Papi. Vielleicht war Papi sicherer. Papi ist schließlich der Fels in der Brandung.
Ich wechselte die Seite. Auch gut.
Dann donnerte es so laut, dass die Scheiben vibrierten. Damit war die Sache entschieden.
Ich sah die Couch an. Genauer gesagt den schmalen Platz zwischen Mami und Papi.
Normalerweise ist das kein Akita-Platz. An diesem Abend schon. Ich stieg hinauf und schob mich zwischen die beiden. Mami rückte zur Seite. Papi ebenfalls.
Es war eng. Sehr eng. Aber das war nun wirklich nicht mein Problem. Ich lehnte mich mit einer Seite an Mami und mit der anderen an Papi.

So.
Besser.
Damals kamen die Zuckerkügelchen erst, als ich längst überzeugt war, dass unser Haus unmittelbar vom Himmel angegriffen wurde. Mami wusste es einfach noch nicht besser.
Heute ist das anders. Heute hatte ich gerade erst das zweite Fenster überprüft, als sie schon aufstand. Papi ging durch das Haus und ließ die Läden herunter. Einen nach dem anderen. Und Mami holte eines ihrer kleinen Gläschen. Phosphorus C200.
Ich bekam meine Kügelchen, noch bevor der erste Donner überhaupt bei uns angekommen war. Dann legte ich mich wieder hin. Nicht vollkommen entspannt. Man muss einem Gewitter schließlich nicht leichtfertig vertrauen.
Als es draußen zum ersten Mal leise grollte, hob ich den Kopf. Meine Ohren gingen nach vorn. Ich sah zu Mami. Sie sah zu mir. Ich blieb liegen.
Später wurde ich noch einmal unruhiger und begann wieder, Richtung Fenster zu lauschen. Mami beobachtete mich eine Weile und gab mir diesmal Argentum nitricum C200.
Danach legte ich den Kopf auf meine Pfoten.
Draußen blitzte es.
Dann kam der Donner.
Ich zuckte zusammen.
Natürlich.
Ich bin schließlich nicht taub.
Aber ich musste nicht in den Flur. Ich musste keine baulich besonders geeignete Ecke suchen und auch nicht überprüfen, ob zwischen Mami und Papi zufällig Platz für einen ausgewachsenen Akita entstanden war.
Ich blieb einfach da. Papis Fuß berührte meinen Rücken. Mami las weiter. Und irgendwann hörte ich nur noch Regen. Ich atmete tief aus und schloss die Augen.
Früher dachte ich bei Gewitter immer, ich müsste mich entscheiden zwischen Verstecken oder zu Mami, zu Papi oder in die Ecke, Flucht oder Nähe. Heute muss ich mich meistens nur noch entscheiden, auf welcher Seite ich liegen möchte. Das ist erheblich einfacher.
Der Himmel darf trotzdem gerne woanders knurren.
Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren.
Euer Boo
🐾
Mittelempfehlungen/Protokolle:
Phosphorus C200 – bei ausgeprägter Empfindlichkeit und Angst gegenüber Gewitter, Feuerwerk, auch bei Erdbeben – bereits bei den ersten Anzeichen eines Gewitters bzw. erster Nervosität eine Dosis, weitere Gabe nach individuellem Verlauf; bei vorhersehbarem Feuerwerk gegebenenfalls bereits am Vorabend sowie am Morgen des Ereignisses
Argentum nitricum C200 – mögliche Alternative bei ausgeprägter Erwartungsangst und nervöser Unruhe vor einem angekündigten oder sich nähernden Ereignis – nach Bedarf wie unter Phosphorus beschrieben, in chronischen Fällen ereignisbezogen einmal täglich eine Gabe für 3-5 Tage
Aconitum C200 – mögliche Alternative, wenn die Reaktion stärker einer plötzlich einschießenden Schreck- oder Schockreaktion mit heftiger Angst entspricht – nach Bedarf
Die Mittel können entsprechend der jeweils vorherrschenden Symptomatik gegebenenfalls auch alternierend eingesetzt werden.
Anwendung in eigener Verantwortung. Homöopathie ersetzt im Ernstfall niemals die Konsultation eines (Tier-)Arztes.



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